„Cristini Line“ ist eine ortsspezifische Intervention, die Umberto Cavenago weder auf einer Fläche noch an einem Objekt, sondern im gesamten Raum eines bewohnten Ateliers – nämlich dem von Ermanno Cristini in Varese – realisiert. Das Werk führt keine neuen Objekte ein: Es wirkt ausschließlich auf das ein, was bereits im Raum vorhanden ist – Bücher, Werkzeuge, Materialien, Arbeits- und Alltagsgegenstände, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben –, und verschiebt diese so lange, bis sie mit einer einzigen horizontalen Linie zusammenfallen, die von einem Laserstrahl in Augenhöhe des Künstlers selbst gezeichnet wird.
Die Geste ist zugleich minimal und radikal. Minimal, weil sie keine Formen erzeugt, keine Materie hinzufügt und kein eigenständiges Artefakt hinterlässt: Das einzige physische Zeichen ist der immaterielle Lichtstrahl des Lasers, der den Raum wie eine Ebene durchzieht – ein abstrakter Bezugspunkt, an dem sich alles neu ordnet. Radikal, weil diese Linie – still und unsichtbar, solange man nicht nach ihr sucht – den gesamten Raum nach einem einzigen Kriterium neu ordnet, das zugleich willkürlich und körperlich ist: nicht die funktionale Ordnung des Ateliers (wo jedes Objekt dort steht, wo es für die Arbeit gebraucht wird), nicht eine ästhetische oder chronologische Ordnung, sondern die Statur dessen, der den Eingriff vorgenommen hat. Der Raum anderer wird am Körper des Künstlers neu vermessen.
Daraus ergibt sich eine präzise Verfremdung: Die Objekte bleiben dieselben, erkennbar, verlieren jedoch ihre Gebrauchslogik, um eine neue, rein wahrnehmungsbezogene anzunehmen; sie sind nicht so angeordnet, weil es „nützlich“ ist, sondern weil es „zusammenfällt“. Wie Cristini selbst in dem kurzen Begleittext zum Werk bemerkt, musste das Atelier in jenen Tagen zwangsläufig „anders“ bewohnt werden: Die Intervention hat nicht einfach einen Arbeitsraum neu geordnet, sondern dessen Funktion vorübergehend ausgesetzt und durch ein von außen auferlegtes Wahrnehmungsraster ersetzt.
In dieser Hinsicht fügt sich „Cristini Line“ nahtlos in Cavenagos Forschung zu Maß, Vermessung und Eingriffen in den bewohnten Raum ein – ein Strang, der sich in seinem Werk auch durch die nachfolgenden „Line“-Arbeiten zieht (wie „Caraglio line“, 2010) und hier seine intimste Ausprägung findet: kein öffentlicher Ort oder Ausstellungsraum, sondern das private Atelier eines anderen Künstlers, das vorübergehend zur Erweiterung des Körpers und des Blicks dessen wird, der es mit einem Laser durchquert.
L.B., 2022
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago