Umberto Cavenago

Motocicletta, 1988

Verzinkte Bleche, Aluminium und Stahl

110 × 210 × 30 cm

Motocicletta

Photo © Giorgio Mussa


Artefakte von Motorrädern

In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren begann ich mit dem Bau von Artefakten in Motorradoptik. Keine Objekte zum Bewundern, sondern Formen zum Hinterfragen. Scheinbar Fahrzeuge, aber ohne jede Funktion. Nur eine Ausgangsidee, eine komprimierte Energie, wie eine noch nicht ausgedrückte Spannung. Schwebende Gebilde, die auf eine Enthüllung warten, die nie kommen wird. Die Proportionen entsprachen denen von echten Motorrädern, aber ohne Motor oder Bewegung. Einige lehnten an der Wand, andere standen auf Ständern, wie technische Modelle oder Reliquien. Alle mit der gleichen Gestaltungshypothese: ein fahrbereites, aber stillstehendes Fahrzeug zu evozieren. In der Schwebe. Eine Bewegung, die nie vollendet ist, eine Reise, die nie begonnen hat. Ich habe sie aus Blech gefertigt, geschnitten, gebogen und zusammengesetzt. Eine direkte Geste, ohne technische Details, wie eine Rückkehr zum Wesentlichen. Als wolle mein Werk sagen: Sucht nicht nach einfachen Antworten, es gibt keine endgültigen Lösungen. Die Bildhauerei ist keine Antwort, sondern eine Frage. Diese mit Rädern ausgestatteten und entfunktionalisierten Werke spielten auf eine verpasste Bewegung an. Mittel ohne Zweck. Und in dieser Lücke zwischen der Erscheinung des Fahrzeugs und der Unmöglichkeit der Fahrt öffnete sich ein Raum: ein Raum für Skulptur, für Gedanken, ein Ort, an dem man innehalten und über die Unbeweglichkeit der Existenz nachdenken kann. Ich habe sie nie als abgeschlossen betrachtet. Jede Ausstellung war ein Zwischenstopp, nie eine Ankunft. Wechselnder Ort, wechselndes Licht, wechselnde Lektüre. Sie sind nicht unbeweglich, aber sie sind auch nicht mobil. Sie sind ein Warten voller Möglichkeiten, ohne endgültige Antworten. Und genau dort möchte ich sein. Ich projiziere keine Objekte zum Anschauen, sondern Fragen, die Unbeweglichkeit in Warten verwandeln. In dieser Unbeweglichkeit liegt ihr Sein, ohne zu sein, ihr Werden, ohne jemals zur Vollendung zu kommen, wo es nie ein endgültiges `Ende` gibt, sondern einen Prozess im ständigen Warten, eine Reise, die nie wirklich beginnt. Eine Spannung, die in ihrer Unbeweglichkeit liegt, die nie statisch ist, sondern immer auf eine Bewegung wartet, die nie ganz vollendet ist.
U.C.


Con "Motocicletta" la ricerca compie uno spostamento decisivo

Das Interesse gilt nicht mehr der Reduzierung des Volumens, sondern der Möglichkeit, mit einer minimalen Anzahl von Elementen eine erkennbare Form zu schaffen.
Das Motorrad wird nicht dargestellt. Es wird ausgehend von seiner wesentlichen Struktur neu konstruiert. Der Motor, die Mechanik und jedes funktionale Detail verschwinden. Es bleibt nur ein System aus Ebenen, Schnitten und Leerräumen übrig, das die Vorstellung des Fahrzeugs hervorruft, ohne es zu beschreiben.
Das Werk gehört weder der Abstraktion noch der Figuration an. Es befindet sich in einem Zwischenbereich, in dem die Form noch eine Erinnerung an das reale Objekt bewahrt, sich aber nach einer eigenständigen Logik organisiert. Jedes Element wird auf eine konstruktive Synthese zurückgeführt. Es geht nicht darum, ein bestehendes Bild zu vereinfachen, sondern dessen Prinzip neu zu konstruieren.
Auch die Räder erhalten eine neue Bedeutung. Sie sind nicht mehr bloße Bestandteile des Fahrzeugs, sondern werden zum Gleichgewichtspunkt der gesamten Komposition. Sie bringen eine ständige Spannung zwischen Unbeweglichkeit und Bewegung in den Raum ein. Das Motorrad scheint startbereit zu sein, bleibt jedoch endgültig in jenem Augenblick vor der Aktion schwebend. Die Skulptur stellt die Bewegung nicht dar. Sie macht das Warten darauf sichtbar.
Mit diesem Werk hört das Fahrzeug endgültig auf, ein Subjekt zu sein. Es wird zu einem Mittel, durch das die Skulptur selbst hinterfragt wird. Was interessiert, ist nicht die Maschine, sondern die Möglichkeit, eine funktionale Form in eine eigenständige Konstruktion zu verwandeln, die in der Lage ist, die Energie des ursprünglichen Objekts zu bewahren, obwohl sie jede Funktion verloren hat.
Diese Richtung wird die gesamte nachfolgende Forschung prägen. Von C-DUU über die mobilen Strukturen bis hin zu den „Erratici“ und den „Souvenir di montagna“ wird Bewegung nie als Handlung dargestellt, sondern als potenzieller Zustand der Form. Die Skulptur beschreibt keine Fortbewegung. Sie enthält sie.
„Motocicletta“ markiert somit den Übergang von einer Erforschung des Volumens zu einer Erforschung der Struktur. Nicht mehr die Masse bestimmt die Präsenz des Werks, sondern das Verhältnis zwischen seinen Teilen, die Präzision ihres Gleichgewichts und die stille Spannung, die sie in einem Zustand permanenter Möglichkeit hält.
L.B., 2026
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago
Motocicletta

Photo © Giorgio Mussa


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