Die XXII. Skulpturenbiennale von Gubbio trägt den Titel „Emergenze“ und stellt die Beziehung zwischen Metall, Erde und Zement in den Mittelpunkt. Zu den teilnehmenden Künstlern zählen Jan Vercruysse, Jaume Plensa, Gilberto Zorio, Nicola Bolla, Vettor Pisani, Costas Varotsos sowie eine Reihe junger italienischer Künstler. In Cavenago steht ein Saal der Casa di Sant’Ubaldo zur Verfügung, einem Gebäude, das in Gubbio als Wohnsitz seines Schutzpatrons gilt und zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert für die Familie Accoromboni erbaut wurde. Weiß verputzte Wände, ein monumentaler Steinkamin, ein Boden aus sechseckigen Terrakottafliesen. In dem Saal steht bereits ein Lehrstuhl. Er ist ein Einrichtungsgegenstand, kein Kunstwerk, und wie alle Einrichtungsgegenstände setzt er voraus, was fehlt: das Publikum. Cavenago fügt dem Raum keine Skulptur hinzu, sondern vervollständigt den Satz, den der Raum unvollendet gelassen hatte, und schafft das Publikum.
Drei Reihen, drei rechteckige Holzbänke, die auf verzinkten Stahlwürfeln mit Stütz Kugeln ruhen: dasselbe System, das im Jahr zuvor im Museo Pecci in Prato für „L’Arte stanca“ aufgebaut wurde. Das Material der Sitzfläche ändert sich: Hier handelt es sich nicht um eine Stahlklinge, sondern um das dicke Holz einer Schul- oder Mensa-Bank, und auch der Verwendungszweck ändert sich, denn die Konstruktion dient nicht mehr der Betrachtung, sondern dem Zuhören. Das Prinzip bleibt dasselbe: Das Möbelstück, das eigentlich für Unbeweglichkeit sorgen sollte, ist stattdessen der Ort, an dem die Unbeweglichkeit nachlässt. Wer sich hinsetzt, kann seitlich gleiten, und die jenseits der Ausdehnung der Bänke aufgereihten Würfel machen deutlich, dass die verfügbare Bewegungsstrecke länger ist als die Reihe.
Die Ironie wirkt auf zwei Sprachebenen. Der Lehrbetrieb ist per Definition statisch: Der Dozent steht am Lehrpult, nimmt einen festen Platz ein und spricht aus einer Position, die nicht zur Diskussion steht. Die Studierenden hingegen haben in diesem Hörsaal variable und bewegliche Blickwinkel und üben diese aus, während sie sitzen bleiben, ohne auffällige Gesten, indem sie einfach zur Seite gleiten. Diese Verschiebung um wenige Zentimeter reicht aus, damit die frontale Geometrie des Unterrichts ihre Selbstverständlichkeit verliert. Die Installation stellt den Lehrstuhl nicht in Frage, sie lässt ihn dort, wo er ist: Sie beschränkt sich darauf, alles andere beweglich zu machen, und stellt damit die Vorstellung in Frage, dass Gewissheiten von einem festen Punkt auf ein ebenso feststehendes Publikum übertragen werden.
Es ist das Verfahren, das sich seit Ende der 1980er Jahre durch das gesamte Werk von Cavenago zieht. In „Piedistallo“(1989) war es der Sockel, der den Platz der Skulptur einnahm, die er eigentlich hätte tragen sollen. In „L’Arte stanca“(1993) wurde die Museumsbank zum Mechanismus, der den Betrachter in Bewegung versetzte. Hier ist es das Publikum, also der stumme und unterwürfige Teil des Saals, das zum Kunstwerk wird und den Raum neu ordnet – in einem mittelalterlichen Raum, der zahlreiche überlieferte Gewissheiten bewahrt. Das Entweihende liegt, wie immer in Cavenago, nicht in der Geste, sondern in der Mechanik: Vier Kugeln unter einer Holzplatte genügen aus, um eine Ordnung, die als feststehend galt, als provisorisch erscheinen zu lassen.
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago