Umberto Cavenago

Contenitore (con segni di fuoco 1), 1986

Keramikfaser, Stahl, Blei, Glühdraht aus Nickel-Chrom, elektrischer Transformator und Acryl

180 × 60 × 60 cm

Contenitore (con segni di fuoco 1)

Un contenitore senza profondità

Die Zahl in Klammern im Titel verrät bereits etwas Wesentliches: Es handelt sich nicht um ein Einzelwerk, sondern um den ersten erklärten Begriff einer Reihe, nämlich jener der Behälter, mit denen Cavenago Mitte der 1980er Jahre sein eigenes Vokabular entwickelte. Was dieses Exemplar von den anderen der Gruppe unterscheidet, sind die Proportionen, und diese Proportionen müssen aufmerksam betrachtet werden, da sie ein Paradoxon enthalten. Einhundertachtzig Zentimeter Höhe bei sechzig Zentimeter Breite entsprechen den Maßen einer Tür, eines Türflügels oder einer vertikal ausgestreckten menschlichen Figur. Die dritte Dimension beträgt jedoch nur sechs Zentimeter. Es handelt sich um einen an der Wand hängenden Behälter, der fast vollständig auf sein Fassungsvermögen verzichtet.
Die Anbringung an der Wand ist kein Detail der Installation: Sie ist die Prämisse des Werks. Hängend, frontal, begrenzt durch einen rechteckigen Umriss, nimmt das Objekt das Format an, mit dem der Betrachter seit Jahrhunderten eine feste Vereinbarung hat – das des Gemäldes. Man betrachtet es aus der Entfernung, man betrachtet es, während man regungslos davor steht. Das Acryl, das auf die Oberfläche aufgetragen ist, kommt dieser malerischen Erwartung bewusst entgegen. Alles an der äußeren Gestaltung lädt dazu ein, das Werk als Gemälde zu behandeln.
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago

Ciò che si sente e non si vede

Und genau diese Erwartung widerlegt das Werk. Denn das an der Wand hängende Rechteck ist keine Fläche: Es ist eine Hülle, und in ihrem Inneren geschieht etwas. Der vom elektrischen Transformator gespeiste Nickel-Chrom-Draht ist kein bloßes Leuchtzeichen, sondern ein Element mit doppelter Natur, das an den Stellen größter Glühintensität Licht erzeugt und überall Wärme abgibt, wodurch die Hülle von innen erwärmt wird. Die Wärme wird so zu einem vollwertigen Bestandteil des Werks, nicht als Nebeneffekt der elektrischen Vorrichtung, sondern als skulpturaler Bestandteil, der mit anderen Sinnen als dem Sehen wahrgenommen wird: durch den Tastsinn, die Temperatur und den Abstand, den man wählt.
Ein Gemälde lässt man nicht näher an sich heran und berührt es nicht. Hier hingegen erreicht einen die entscheidende Information erst, wenn man näherkommt, und sie erreicht die Haut noch vor dem Blick. Der durch das Format zum Ausdruck gebrachte frontale Charakter entspricht einem Strahlungsbereich, der in den Raum hineinragt, unsichtbar und nur vom Körper wahrnehmbar: Eine sechs Zentimeter dicke Materialschicht erzeugt vor sich eine wahrnehmbare Tiefe, die keine der drei Dimensionen erfasst. Der Behälter, der als Behälter fast nichts enthält, erweist sich thermisch als voll.
Darin liegen höchstwahrscheinlich die „Feuerzeichen“ des Titels begründet, die kein dekoratives Motiv, sondern einen Zustand beschreiben. Die Hülle bleibt verschlossen, ihr Inneres gibt sich dem Blick nicht preis, und was darin geschieht, offenbart sich nur durch die Spuren, die an die Oberfläche dringen. Auf diese Weise stellen die Behälter jener Jahre das Problem dar, das sich durch die gesamte spätere Forschung des Künstlers zieht: Das Werk hält seinen Inhalt in einem Zustand teilweiser Sichtbarkeit zurück und fordert den Betrachter auf, seinen Teil dazu beizutragen, damit es sich vervollständigt.
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago

Il lessico della fabbrica

Die Materialliste ist als Schema einer Anlage zu verstehen, nicht als Bestandsverzeichnis. Die Keramikfaser ist ein feuerfester Dämmstoff industrieller Herkunft, das Material, mit dem Öfen ausgekleidet werden; Blei steht für Masse, Opazität und Abschirmung; Stahl steht für Struktur und hebt sich dadurch von den anderen Behältern der Serie ab, bei denen Holz die Hülle bildet. Hier lässt das Kunstwerk jeden Anflug von Tischlerei hinter sich und widmet sich ganz dem Vokabular der Produktion. Es ist ein materielles Vokabular, das in Keimform bereits die Aufmerksamkeit vorwegnimmt, die Cavenago über Jahrzehnte hinweg funktionalen und nicht dekorativen Materialien widmen wird, die aus der Industrie stammen und im Bereich der Bildhauerei wiederverwendet werden.
Keramikfaser und Nickel-Chrom bilden zusammen ein stimmiges System: Der Isolierstoff ermöglicht das Glühen und begrenzt es zugleich – in einem Gleichgewicht, das dem eines auf minimale Dicke reduzierten Ofens gleicht. Dass eine solche thermische Maschine wie ein Gemälde an der Wand hängt, ist an sich schon die Geste des Werks.
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago

Un laboratorio anticipatore

Rückblickend betrachtet, im Lichte des gesamten künstlerischen Werdegangs, erweist sich „Contenitore (con segni di fuoco 1) “ als ein Werk, in dem bereits fast alle späteren Themen angedeutet sind. Die Schwelle zwischen geschlossen und offen, zwischen drinnen und draußen, taucht erneut im gepanzerten Haus von „Home sweet home“ (2004) auf, wo ein kaum wahrnehmbarer Schimmer aus den Fenstern der einzige Hinweis darauf ist, was das Gebäude birgt, sowie im bewohnbaren Felsblock von „Souvenir di montagna“ (2026). Die vom Betrachter geforderte aktive Rolle zieht sich durch „Piedistallo“ (1989), „L’Arte stanca“ (1993), „Platea“ (1994) bis hin zum Vibrationsmotor von „Fremito creativo“ (2004). Der Einsatz technischer Komponenten aus der Industrie – ein Transformator, ein Widerstandskabel – wird zur Methode.
Vor allem kündigt sich hier die Idee an, die schließlich wie eine Handschrift wirken wird: dass Energie stets bildhauerisches Material ist, nicht weniger konkret als Stahl oder Blei. Elektrisch und thermisch hier, kinetisch in den Fahrzeugen und Wagen der 1990er Jahre. Im Jahr 1986 fand diese Überzeugung in einer sechs Zentimeter dicken, an einer Wand hängenden Arbeit bereits ihre erste vollendete Form.
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago
Contenitore (con segni di fuoco 1)
Contenitore (con segni di fuoco 1)