„Ipotenusa“ besteht aus drei Elementen aus schwarzem Stahl, die ausschließlich mit Bienenwachs behandelt wurden – ohne Lack, ohne industrielle Beschichtung, sondern mit einer matten, fast organisch anmutenden Oberfläche, die das Licht absorbiert, anstatt es zu reflektieren. Jedes Element steht auf der einen Seite auf dem Boden und lehnt auf der anderen Seite an der Wand, wobei es durch kleine, an beiden Auflagepunkten versteckte Rollen im Gleichgewicht gehalten wird: eine Vorrichtung, die es ihnen ermöglicht, entlang der Wand zu gleiten und neu positioniert zu werden, als wäre die Skulptur nie endgültig fixiert, sondern stets verstellbar.
Die drei Elemente sind im Maßstab zueinander konstruiert, nicht identisch, aber proportional zueinander in Beziehung gesetzt, sodass sie „ein Eigenleben führen“ können, während sie gleichzeitig in Wechselbeziehung zueinander stehen – wie Varianten desselben geometrischen Prinzips, das in unterschiedlichen Maßen wiederholt wird. Jedes Element, schräg zwischen Boden und Wand abgestützt, wirft einen Schatten, den das Licht an die Wand zeichnet: zwei Segmente, die sich im rechten Winkel treffen, die beiden Katheten, immateriell, nicht durch den Stahl erzeugt, sondern durch das Licht, das der Stahl abfängt. Die dritte Seite, die Hypotenuse, die dem Werk seinen Titel gibt, ist hingegen das einzige physische, greifbare Element aus Metall: die schräge Stange, die die beiden Auflagepunkte verbindet.
Das rechtwinklige Dreieck vervollständigt sich somit erst im Zusammentreffen von dem, was real ist, und dem, was projiziert wird: zwei virtuelle Schattenkatheten, die sich je nach Tageszeit und Lichtintensität verändern, und eine Hypotenuse aus Stahl, stabil und beständig. Die geometrische Figur, die zu den elementarsten und grundlegendsten des westlichen Denkens gehört und seit Pythagoras das Grundtheorem für die Raumvermessung darstellt, wird hier nicht als gezeichnete Abstraktion wiedergegeben, sondern als Ereignis, das sich im realen Raum des Raumes vollzieht und vom Licht, vom Betrachtungspunkt sowie von der Position jedes einzelnen Elements entlang der Wand abhängt.
In dieser Hinsicht verdichtet „Ipotenusa“ in fast didaktischer Form ein wiederkehrendes Thema in Cavenagos Forschung: das Verhältnis zwischen Entwurf und Umsetzung, zwischen geometrischer Berechnung und ihrer physischen Manifestation. Das Werk fungiert als Messinstrument der Realität, nicht anders als ein Theodolit oder ein Zeichensekantar, kehrt jedoch die Beziehung um: Nicht das Instrument misst den Raum, sondern der Raum vervollständigt durch Licht und Schatten die Figur, die das Instrument-Skulptur nur teilweise andeuten kann. Mit anderen Worten: Das Theorem beweist sich von selbst, jedes Mal, wenn das Licht es durchdringt.
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago