Pilastro Crepadona, 1999. Entstanden anlässlich der Ausstellung Alle soglie del Duemila. Arte in Italia negli anni '90“, Belluno-Cortina d’Ampezzo, kuratiert von Renato Barilli (7. August – 26. September 1999). Das Werk existiert heute nicht mehr.
„Pilastro Crepadona“ treibt das Thema der instabilen Stütze, das Cavenagos Schaffen seit jeher durchzieht, auf physischer Ebene auf die Spitze. Sechzehn Meter hoch: eine Säule, komplett mit Kapitell an der Spitze wie ein echtes klassisches architektonisches Element, die sich nicht darauf beschränkt, einen Saal einzunehmen, sondern den Palazzo Crepadona, den Ausstellungsort, physisch durchquert, ausgehend vom Kreuzgang und fiktiv über zwei Stockwerke des Gebäudes emporragend. Kein Objekt, das in einem Ausstellungsraum platziert wurde, sondern eine Architektur, die sich in die reale Architektur des Palastes einfügt, diesen durchdringt und dessen Logik der Raumaufteilung zwischen den Etagen in Frage stellt.
Aus Holz gefertigt, wobei lediglich das Kapitell und die strukturellen Details aus Stahl bestehen, ruht die Säule an ihrer Basis auf vier soliden Stahlrädern: ein Detail, das aufgrund seiner im Vergleich zur Gesamtgröße des Werks geringen Ausmaße nebensächlich erscheinen könnte, das jedoch dessen Bedeutung auf den Kopf stellt. Eine sechzehn Meter hohe Säule, die optisch das Gewicht einer ganzen Struktur zu tragen scheint, wird – wenn auch nicht in der Praxis, so doch in der Absicht – beweglich, versetzbar und provisorisch gestaltet: diese Ambivalenz zwischen Monumentalität und Instabilität, die Cavenago bereits 1991 in den Säulen von Berlin erforscht hatte, hier jedoch auf eine noch extremere Ebene gehoben und zum ersten Mal nicht in einem neutralen Ausstellungsraum, sondern in einem echten historischen Gebäude umgesetzt, dessen Statik und Symmetrie sie offen widerspricht.
Die Installation reiht sich nämlich nicht in die Säulen der Loggia im Erdgeschoss des Gebäudes ein, sondern schneidet diese diagonal und ist dabei entlang einer Ost-West-Achse ausgerichtet, die im Werk des Künstlers immer wieder auftaucht – dieselbe Achse, die acht Jahre zuvor die Berliner Kolonnade von „A sostegno dell’Arte II“ strukturiert hatte. Es handelt sich um eine bewusste Entscheidung für den Bruch: Wo die historische Architektur des Crepadona Symmetrie, Ausrichtung und die Einhaltung der ursprünglichen Bauachsen vorschreibt, fügt Cavenago ein Element ein, das den Raum nach einer eigenen, autonomen Geometrie durchquert – gleichgültig, ja sogar offen dysfunktional gegenüber der bestehenden Ordnung.
„Pilastro Crepadona“ ist somit eine Architektur in der Architektur, die nicht mit dem Gebäude, das sie beherbergt, in Dialog tritt, sondern dieses zwingt: eine gigantische Stütze, offensichtlich ohne tragende Funktion, schräg entgegen der Logik des Ortes angeordnet, und mit seinen vier Rädern aus schwarzem Stahl potenziell in der Lage ist, sich zu entfernen, diese auferlegte Achse zu verlassen, um eine eigene einzuschlagen – erneut in Ost-West-Richtung, erneut gemäß dem erkennbarsten Merkmal von Cavenagos gesamter Forschung zum Verrat am Fundament.
L.B., 2018
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago