„Fremito creativo“ nimmt einen besonderen Platz in Cavenagos Schaffen ein, denn es ist eines der wenigen Werke, in denen Bewegung nicht nur eine Anspielung, ein verwehrtes Potenzial oder eine symbolische Geste bleibt, die einem unbeweglichen Rad anvertraut ist, sondern zu einem realen, eigenständigen Ereignis wird, das ohne direktes Eingreifen des Betrachters ausgelöst wird. Ein kleiner Würfel aus schwarzem Gummi, auf dem ein industrieller Vibrationsmotor angebracht ist, der mit einem Näherungssensor verbunden ist: Es reicht schon, dass sich eine Person nähert, ohne etwas berühren zu müssen, damit der Sensor den Motor für etwa zehn Sekunden aktiviert und dem Würfel eine intensive Vibration überträgt, die ihn scheinbar zufällig über den Boden gleiten lässt, wobei er sich fast wie von selbst genau auf denjenigen ausrichtet, der ihn ausgelöst hat.
Der Titel selbst leitet sich aus diesem präzisen physikalischen Prinzip ab: Das „Zittern“ ist keine nachträglich gewählte Metapher, sondern die wörtliche Beschreibung des Phänomens, das die Bewegung erzeugt. Es gibt kein Rad, keine Achse, kein Rollsystem, das den Würfel bewegt: Es ist die vom darüber liegenden Vibrationsmotor erzeugte Schwingung – ein kontinuierliches, hochfrequentes Zittern –, die den Gegenstand in kleinen, unregelmäßigen Sprüngen über den Boden vorwärtsbewegt. Es handelt sich um eine konzeptionell wichtige Abkehr vom Rest von Cavenagos Werk, in dem das Rad seit jeher das grundlegende Zeichen der Bewegung ist, sei sie nun real oder verneint: Hier entsteht die Bewegung nicht durch das Rollen, sondern durch das Zittern, durch die Schwingung, die den gesamten Körper des Objekts so stark erschüttert, dass es – fast wie durch die Anhäufung kleiner Sprünge – in eine Richtung gleitet, die zufällig erscheint, aber aufgrund der Position des Sensors in Wirklichkeit immer auf den Betrachter zusteuert, der sich dem Objekt nähert.
Doch die Schwingung bleibt nicht auf den Würfel beschränkt: sie überträgt sich auch auf den Raum, in dem das Werk steht, und erzeugt einen tieffrequenten Klang, der sich im umgebenden Raum ausbreitet – ein dumpfes, kontinuierliches Summen, das so lange anhält, wie der Motor läuft, und das jeder im Raum wahrnimmt, oft noch bevor er die Quelle ausmachen kann. Es ist ein Effekt, der die Wirkungsreichweite des Werks weit über das kleine Volumen des Würfels hinaus erweitert: Die Schwingung wird zum Klang, der Klang wird zu einer im Raum verteilten Präsenz, und auf diese Weise tritt das Werk schließlich auch physisch in einen Dialog mit Körpern, die es weder gesehen noch gar gesucht haben. Jeder, der einfach nur in der Nähe des Sensors vorbeikommt, vielleicht ohne die Absicht, mit dem Werk zu interagieren, löst es dennoch aus und erhält die Antwort nicht nur als Bild, das man betrachten kann, sondern als tiefen Ton, der im Raum nachhallt – fast wie ein ungewollter Kontakt zwischen dem Körper des Besuchers und dem des Werks, vermittelt durch die Luft und die Struktur des Raums selbst.
Hier findet auch auf der Beziehungsebene eine wichtige Umkehrung statt. In „Superfetazione a camme“ oder in „Visita guidata“ entstand die Bewegung aus einer expliziten körperlichen Geste des Besuchers: einem Stoß, dem Körpergewicht, einer willentlichen und bewussten Handlung. Hier hingegen genügt die bloße Anwesenheit, die bloße Tatsache, sich in der Nähe des Kunstwerks zu befinden, damit dieses reagiert und sich diese Reaktion als Schallschwingung ausbreitet, die auch diejenigen einbeziehen kann, die sie nie auslösen wollten. Nicht mehr das Publikum wirkt auf das Objekt ein: Es ist das Objekt, das auf das Betrachten reagiert und zugleich jedem, der – wenn auch nur für einen Augenblick – denselben Raum teilt, seine akustische Präsenz aufzwingt.
Auf einen von einem Industriemotor angetriebenen Gummikubus angewendet, erzeugt das Wort „Fremito“ genau jene Spannung zwischen Organischem und Mechanischem, die in der Werkbeschreibung ausdrücklich zum Ausdruck kommt: Ein rein physikalisches und aus ingenieurtechnischer Sicht vorhersehbares Phänomen wird neu interpretiert, als wäre es der Ausdruck eines fast lebenswichtigen Impulses, einer unwillkürlichen Bewegung, die in ihrer Unregelmäßigkeit dem unberechenbaren Verhalten eines Lebewesens nachempfindet, anstatt dem regelmäßigen und kontinuierlichen, das ein herkömmlicheres Radsystem hingegen gewährleistet hätte.
Ein Jahr später, im Jahr 2004, greift Cavenago dasselbe Werk wieder auf und schafft eine Variante, die auf fast beunruhigende Weise explizit macht, was in der ersten Version der Vorstellungskraft des Betrachters überlassen blieb:
„Fremito creativo (occhi bianchi)“
fügt dem Würfel zwei kleine weiße LED-Lichter hinzu, die auf unheimliche Weise aufleuchten, sobald das Werk mit Strom versorgt wird. War in der Version von 2003 die Animalität des Würfels noch ausschließlich verhaltensbezogen – beschränkt auf die zitternde Bewegung, den tiefen Klang, der seine Aktivierung begleitet, und seine Fähigkeit, sich dem Besucher zuzuwenden –, so wird sie hier auch visuell: zwei Lichtpunkte, die sich zusammen mit dem Motor und dessen Summen einschalten und genau wie zwei Augen wirken, die sich plötzlich öffnen. Nicht mehr nur ein Objekt, das sich bewegt und erklingt, als wäre es lebendig, sondern ein Objekt, das dich schon ansieht, noch bevor es sich bewegt.
In beiden Versionen bleibt dieselbe Einschränkung bestehen, die diese Animation sowohl verkompliziert als auch vermenschlicht: Das Stromkabel, das Motor und Lichter versorgt, fungiert als Leine, als physische Grenze, über die hinaus der Würfel – so sehr er auch von einem Zittern erschüttert wird, das wie Bewegungsdrang wirkt und sich akustisch ankündigt, lange bevor er zu sehen ist – niemals vordringen kann. Wie ein Haustier, das an der Leine zappelt, um jemanden zu erreichen, zeigt auch dieser kleine mechanische Organismus – in der Version mit den weißen Augen noch deutlicher – eine Intentionalität, die durch seine eigene Abhängigkeit von der Steckdose strukturell unvollendet bleibt.
Zusammen gelesen verdichten die beiden Fassungen von „Fremito creativo“ eine der beständigsten Spannungen im gesamten Werk Cavenagos, nämlich jene zwischen dem Wunsch nach Bewegung und der strukturellen Grenze, die diesen auf die eine oder andere Weise stets einengt; hier jedoch übersetzen sie diese Spannung in ein physikalisches Prinzip, das in seinem Vokabular völlig neu ist: nicht das Rad, das rollt oder vorgibt, rollen zu können, sondern das Zittern – zugleich motorisch und klanglich –, das erschüttert, verschiebt und sich schließlich im Raum ausbreitet, wobei es oft ohne Zustimmung jeden einbezieht, der sich in derselben Umgebung aufhält.
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago