Das Problem, dem sich Wagner in Schwyz stellt, ist weder nur schweizerisch noch nur eines des 19. Jahrhunderts.
Ende des 15. Jahrhunderts setzt Andrea Mantegna in der Madonna delle cave hinter die Jungfrau eine Felswand, aus der Steinmetzen behauene Blöcke brechen. Der Berg erscheint bereits als Materie, die man zuschneidet.
In denselben Jahren zeichnet Leonardo Schichten, Brüche, Spaltflächen: der Fels als Struktur beobachtet, beinahe als Architektur ohne Entwurf.
Dürer malt einige Steinbrüche in Aquarell. Wenige Jahre später, in der Melencolia, wird der Stein zum Polyeder geworden sein.
Im 18. Jahrhundert steigt Caspar Wolf in die Schöllenenschlucht und malt den Fels als Dokument und Bedrohung zugleich. 1807 stellt Caspar David Friedrich ein Hünengrab im Schnee dar: grosse Felsblöcke, von Menschenhand angeordnet, und schon wird der Felsblock zu Denkmal und Erinnerung.
1853 arbeitet John Ruskin lange vor einem einzigen Gneisblock in Schottland und zeichnet ihn mit der Geduld eines Geologen. Einen Stein zu zeichnen heisst für ihn zu verstehen, wie er beschaffen ist.
1864 malt Gustave Courbet bröckelnde Felsen: der Stein in dicken Schichten auf die Leinwand gelegt, als wäre auch er Materie.
In den 1890er-Jahren betrachtet Paul Cézanne in Fontainebleau die Felsblöcke des Waldes und zerlegt sie in nebeneinandergesetzte Farbflächen. Der Stein wird nicht mehr beschrieben: Er wird auf der Leinwand gebaut, Fläche um Fläche.
Weit entfernt hatte sich der chinesische Maler Wu Bin 1610 der Frage bereits von einer anderen Seite genähert: ein einziger Lingbi-Stein, von zehn verschiedenen Standpunkten aus gezeichnet. Zehn Ansichten, und keine genügt für sich allein.
Maler und Zeichner: Jeder musste auf seine Weise entscheiden, was einen Stein zum Stein macht.
Das ist die Frage, die der zweite Teil dieser Reise umgekehrt zu stellen versucht: nicht, wie man einen Felsblock darstellt, sondern wie man ihn bauen könnte.
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago