Umberto Cavenago

05. Als Natur verkleidete Geometrie

Drei Fälle, drei Techniken, ein Jahrhundert Abstand. Ein Fresko, das Steine auf eine Fassade fallen lassen muss. Ein Denkmal, das einen Wurf im Granit festhalten muss. Ein Bunker, der in einer Bergwand verschwinden muss.

In allen dreien wird der Felsblock nicht beobachtet. Er wird rekonstruiert.

Und um ihn zu rekonstruieren, muss man wissen, woraus seine Form besteht.

Die Antwort ist immer dieselbe. Einen Felsblock erkennt man an einer begrenzten Zahl von Merkmalen: breite Ebenen, die an scharfen Kanten aufeinandertreffen, keine rechten Winkel, mehrere Auflageflächen, ein Schwerpunkt, der instabil wirkt. Es sind wenige, sie lassen sich beschreiben, und sie lassen sich anwenden.

In Wagners fallenden Felsblöcken und in Pessinas Block sind die Flächen breit, die Kanten scharf, und kein Ebenenpaar schliesst im rechten Winkel. Das ist kein Effekt der Technik, denn Malerei und Meissel erreichen dasselbe Ergebnis auf verschiedenen Wegen. Und es ist eine Regel, die nur für die Felsblöcke gilt: Auf derselben bemalten Wand treffen die Grate und senkrechten Brüche in viel engeren Winkeln aufeinander.
Das heisst, dass der Felsblock, das Formloseste der Landschaft, das, was mehr als alles andere keinen Entwurf zu haben scheint, in Wahrheit eine erkennbare geometrische Figur ist.
Nicht Form ohne Regel. Regel, die sich als Abwesenheit von Regel ausgibt.
Das ist die Entdeckung, von der der ganze Zyklus ausgeht. Wenn die natürliche Form eine Grammatik hat, kann man sie schreiben. Und wenn man sie schreiben kann, kann man sie ausführen: von einem regelmässigen Körper ausgehen, ein Verfahren anwenden, etwas erhalten, das die Landschaft als ihr Eigenes erkennt.
Die Verkleidung funktioniert jedoch in beide Richtungen. Die Geometrie kann sich als Natur verkleiden: Das tun Wagner, Pessina und die Wand am Albula. Dann aber ist auch die Natur, aus der Nähe betrachtet, verkleidete Geometrie. Im wirklichen Felsblock sind die Ebenen, die Kanten und die Winkel schon da.
Es geht nicht darum, die Natur nachzuahmen. Es geht darum zu bemerken, dass sie dasselbe schon tat. Wie man von dieser Beobachtung zu einem gebauten Gegenstand gelangt, ist Gegenstand des folgenden Teils.

Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago
Erratico accidentale calibro 100 n. 2 von Umberto Cavenago, weisses Polyeder im 3D-Druck auf Rot
Erratico accidentale calibro 100 n. 2, 2018. 3D-Druck in Polymilchsäure, 10 × 10 × 10 cm.