Diesmal bewegt sich der Felsblock wirklich: ein Findling von 124 Tonnen, mit einem Spezialkran und einem Lastwagen um fünfhundert Meter versetzt.
Der Felsblock war im Jahr zuvor in einer Kiesgrube gefunden worden, und der Fund war als aussergewöhnlich bezeichnet worden. Das Gestein ist rund 164 Millionen Jahre alt. Der Block ist über fünf Meter lang und etwa drei Meter hoch, bei einem Volumen von rund vierzig Kubikmetern: der grösste, der je aus einer Aargauer Kiesgrube geborgen wurde. Gefunden hat ihn ein Maschinist des Unternehmens. «Im ersten Moment dachte ich, ich sei mit der Schaufel auf den Felsuntergrund gestossen», erzählte er.
Der Stein ist ein Kalksandstein. Das ist seine Eigentümlichkeit: Findlinge sind in der Regel kristalline Gesteine, Granite, robuste Materialien, die die Reise überstehen. Ein Sandstein ist ein Sedimentgestein, wenig widerstandsfähig gegen Verwitterung, und sollte nicht unversehrt bis hierher gelangen. Dass er es doch tat, bedeutet, dass er im Eis eingeschlossen reiste und vom Eis geschützt wurde.
Abgelagert wurde er hier vor rund sechsundzwanzigtausend Jahren von einem Seitenarm des Reussgletschers, der aus dem Kanton Uri herabkam, während des letzten Eiszeitmaximums, als die Gletscher am weitesten ins Mittelland vorstiessen. Die Endmoräne, die ihn enthielt, ist noch da.
Hundert Kilometer hat das Eis zurückgelegt. Fünfhundert Meter haben wir zurückgelegt.
Es sind die fünfhundert Meter, die ein Datum, eine Uhrzeit und Fotografien haben.
Der Felsblock wurde am Eingang der Anlagen des Kiesunternehmens aufgestellt, am Dorfeingang, um, so die Meldung, für künftige Generationen erhalten zu bleiben.
Er wurde also vor das Tor des Unternehmens gestellt, das ihn sonst zerkleinert hätte.
Niemand hat ihn behauen. Niemand hat seine Form verändert. Es genügte, ihn um fünfhundert Meter zu versetzen und an die Stelle zu legen, an der man ins Dorf kommt: Von diesem Augenblick an ist er ein Denkmal.
Es ist dieselbe Lage, die in Giornico der Krieger von Pessina einnimmt.
Doch dort musste jemand einen Felsblock in Granit meisseln, um die Wirkung zu erzielen.
Hier genügte es, den Felsblock zu nehmen.
Auf den Fotografien des Vorgangs hat der Arbeiter die Hände auf dem an Ketten hängenden Felsblock, den Körper nach vorn geneigt. Mit einem Unterschied zum Krieger von Giornico: Dieser Mann bewegt nichts. Das ganze Gewicht trägt der Kran. Die Geste hat ihre eigene Notwendigkeit überlebt.
Dann gibt es in der Meldung eine Zeile, die ein ganzes Kapitel wert ist.
Von Gesetzes wegen gehören in der Schweiz Findlinge von mehr als zehn Tonnen dem Kanton.
Dieser Felsblock ist also Eigentum des Kantons Aargau. Die kantonale Abteilung für Umwelt hat ihn zusammen mit der ETH Zürich untersucht und für schützenswert erklärt.
Es gibt also eine Massengrenze, jenseits derer ein Stein aufhört, Landschaft zu sein, und ins Recht eintritt. Unter zehn Tonnen ist er ein Stein, und wer das Grundstück besitzt, besitzt auch ihn. Darüber ist er öffentliches Gut. Der Fremdkörper, den die Landschaft angenommen hat, hat auch einen Eigentümer.
Dieselbe Meldung fügt hinzu, dass die meisten Findlinge für den Bau von Gebäuden verwendet wurden.
Diejenigen, auf die wir heute zeigen können, sind die Überlebenden. Die anderen sind Mauern, Schwellen, Fundamente: gesunder Stein in Ebenen, die arm an gutem Stein sind, und somit offene Steinbrüche, von der Natur bereits zugehauen.
Der berühmteste der Geretteten steht in Monthey im Wallis. Die Pierre des Marmettes, ein gewaltiger Block aus Mont-Blanc-Granit, sollte zu Baumaterial verarbeitet werden. 1906 kaufte ihn die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft für dreissigtausend Franken; seit 1908 gehört er der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz. Das Komitee, das zur Rettung dieses Felsblocks entstand, ist dasselbe, das kurz darauf die Gründung des Schweizerischen Nationalparks anregte.
Der Naturschutz beginnt in der Schweiz mit dem Kauf eines Steins.
Es ist nicht der erste Felsblock, der einem öffentlichen Werk weichen musste. Am 15. Oktober 1973 wird in Göschenen der Teufelsstein, der grosse Felsblock, den der Sage nach der Teufel gegen das Tal geschleudert haben soll, um rund sechzig Meter versetzt, um der Gotthardautobahn Platz zu machen.
Dort war der Grund der umgekehrte: Der Felsblock sollte nicht zur Schau gestellt, sondern aus dem Weg geräumt werden. Doch die Sage ist nicht an ihrem Platz geblieben. Sie ist dem Felsblock gefolgt.
Die Sage bleibt. Der Felsblock wandert.
Einige Monate nach der Aufstellung zeigte sich am Felsblock ein langer senkrechter Riss, und die Lokalpresse fragte sich, ob er gleich entzweibrechen würde. Die Kantonsgeologin erklärte, der Riss sei schon vor dem Transport vorhanden gewesen: Regen und Schnee hätten die Erde weggewaschen und ihn sichtbar gemacht.
Nicht der Felsblock ist gesprungen. Sein Bruch ist entdeckt worden.
Der neue Standort wurde vom Kanton zusammen mit der Gemeinde gewählt, und das war nicht einfach: Er musste öffentlich zugänglich sein und zugleich nahe am Fundort bleiben. Nicht nur wegen der Transportkosten, neunzehntausend Franken für fünfhundert Meter. Den Grund erklärte die Kantonsgeologin: Der Felsblock hat nur Wert, wenn er in der Nähe des Ortes bleibt, an dem er gefunden wurde, denn nur so beweist er die Kraft des Gletschers.
Ein zu weit versetzter Findling hört auf, ein Beweis zu sein, und wird zum Schmuckstück.
Jeder Findling, auf den man heute zeigen kann, wurde zweimal gewählt: einmal vom Eis, einmal von uns.
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago