Der Malojapass gehört zur zweiten Gruppe.
Am westlichen Rand des Engadins gelegen, dort, wo die Hochebene jäh abbricht und ins Bergell abfällt, ist der Maloja nicht einfach ein hoher Punkt im Gebirge.
Er ist eine Schwelle.
Ein Ort des Übergangs.
Ein Punkt der Verwandlung.
Seit Jahrhunderten ziehen Menschen, Waren, Sprachen und Kulturen hier durch.
Souvenir di montagna ist hier seit 2026 dauerhaft installiert, anlässlich von Transito, der von Anna Radaelli kuratierten Biennale Bregaglia, auf achtzehnhundert Metern über Meer. Das Werk erscheint als grosser, bewohnbarer Findling. Auf den ersten Blick kann es an eine Verteidigungsanlage erinnern, an einen Beobachtungsposten, an eine militärische Struktur in der Alpenlandschaft.
Diese Mehrdeutigkeit ist beabsichtigt. Die Nähe zur Festung Maloja ist kein Zufall. Die Festung wurde gebaut, um den Pass zu sichern und die Schweizer Grenze gegen mögliche Expansionsabsichten des faschistischen Italien zu verteidigen: Sie entstand aus der Notwendigkeit, zu überwachen, zu kontrollieren, zu schützen.
Souvenir di montagna vollzieht eine Umkehrung.
Es verwandelt die Idee der Verteidigung in eine Gelegenheit zum Schauen und Hören und ersetzt die Wachsamkeit durch Betrachtung.
Die Öffnungen wirken nicht als Scharten, die auf eine Bedrohung gerichtet sind, sondern als Berührungspunkte mit der Landschaft. Das Innere ist kein Raum des Schutzes vor dem Feind, sondern ein Ort des Verweilens und des Eintauchens in den Berg.
Es ist dieselbe Vorrichtung, die in 12. Schlitze beschrieben wurde, zu Ende geführt. Dort hiess es: Man muss nur den Feind wegnehmen, und es bleibt eine Art zu sehen. Hier ist der Feind geschichtlich benennbar, die Festung, die ihn erwartete, liegt wenige hundert Meter entfernt, und das Werk lässt sich inmitten dieser Erinnerung nieder, ohne sie zu feiern oder zu verdrängen. Es übernimmt einige ihrer formalen Merkmale, um sie zu entschärfen, und verwandelt eine für den Konflikt geschaffene Sprache in eine Vorrichtung der Beziehung zur Natur.
Es gibt auch eine geografische Kreisbewegung, die nicht gesucht war. Die künstliche Wand am Albula, der man in 04. Den Felsen vortäuschen begegnet ist, liegt in derselben Region, eine Autostunde entfernt. Das Projekt beginnt vor einem als Fels verkleideten Militärbau und entfaltet sich vor einem gebauten Fels, der sich für einen Militärbau halten lässt. Dazwischen hat sich nicht die Landschaft verändert: Verändert hat sich, was man mit ihr macht.
In einem vom Transit bestimmten Gebiet schlägt Souvenir di montagna so eine andere Durchquerung vor: den Übergang vom strategischen zum betrachtenden Blick, von der Verteidigung zur Erfahrung, von der Grenze zur Beziehung.
Und der Felsblock ist wieder oben. Vor mehr als zwanzigtausend Jahren war er, vom Eis getragen, das Tal hinabgestiegen; er war in der Stadt angekommen, auf einem Schulhof; jetzt steht er wieder auf dem Pass, genau an der Stelle, an der das Eis vorbeizog.
Es bleibt eine einzige Frage, und sie betrifft nicht mehr den Ort. Woher kommt diese Form.
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago