Die Überlieferung will, dass die Eidgenossen 1315 am Morgarten die habsburgischen Ritter empfingen, indem sie Felsblöcke und Baumstämme den Hang hinabrollten; dass die Glarner 1388 bei Näfels den Angriff mit einem Steinhagel beantworteten; dass der Zusammenstoss von Giornico 1478 als Schlacht der «Sassi Grossi», der grossen Steine, in die Erinnerung einging. In dieser Geschichte ist der Berg keine Kulisse: Er ist ein Arsenal. Man kämpft mit dem, was die Landschaft hergibt, und die Landschaft besteht hier vor allem aus Stein.
Ist die Geschichte befriedet, überlebt die Geste als Sport. Das Steinstossen hat seine Reliquie im Unspunnenstein: 83,5 Kilogramm Granit, berühmt geworden durch das 1805 in Interlaken gegründete Unspunnenfest. Doch nicht einmal die Reliquie entgeht ihrem ballistischen Schicksal. 1984 wurde er von jurassischen Separatisten entwendet; 2001 tauchte er mit den eingravierten Europasternen wieder auf; 2005 verschwand er erneut, ersetzt durch einen Pflasterstein mit dem Jurawappen. Seither wird mit einem Ersatzstein vom Grimsel gestossen. Selbst der symbolische Stein wird in der Schweiz am Ende anderswohin geworfen.
Cavenagos Findlinge, vom Schmuckstück Gioia erratica bis zu den bewohnbaren Felsblöcken von Lugano und am Maloja, haben auf ihre Weise an der Tradition teil: Es sind Steine, die man betrachtet, bewohnt, allenfalls trägt. Sie zu werfen bleibt vorerst eine Hypothese.
Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago