Umberto Cavenago

11. Unterschlupf

Ein natürlicher Felsblock nimmt einen Raum ein. Ein gebauter Felsblock enthält einen.

Der Unterschied mag gering erscheinen. In Wirklichkeit verändert er die Bedeutung der Form von Grund auf.
Von aussen betrachtet erscheint der Stein als kompakte Präsenz. Ein voller Körper. Eine Masse, die der umgebenden Landschaft Widerstand leistet. Ihre Kraft rührt von der Dichte der Materie und von der Wahrnehmung ihrer Unbeweglichkeit her.
Die Vorstellungswelt des Gebirges ist eng mit diesem Zustand verbunden.
Felsen begrenzen.
Sie schützen.
Sie trennen.
Sie bestimmen Grenzen.
Sie bilden Hindernisse und Orientierungspunkte.
Ihr Dasein fällt mit ihrer Oberfläche zusammen. Es gibt kein Innen.
Der gebaute Findling hingegen eröffnet eine unerwartete Möglichkeit.
Die Masse wird ausgehöhlt.
Und wenn die Masse ausgehöhlt wird, ändert der Felsblock seine Funktion, ohne seine Form zu ändern.
Das ist keine Erfindung. Im Val Bavona macht man es seit Jahrhunderten, und ohne etwas zu bauen: Man nimmt den Hohlraum, den der Felsblock schon unter sich hat, schliesst eine Seite mit einer Trockenmauer und erhält einen Stall, ein Lager, einen Unterschlupf. Im Dorf Foroglio ragt ein gewaltiger Findling, ein Überbleibsel der letzten Eiszeit, zwischen den Steinhäusern des Ortskerns auf; wie in vielen Dörfern des Tals haben die Bewohner jahrhundertelang mit diesen Granitriesen zusammengelebt und sie zuweilen in ihre Behausungen einbezogen.
Der Felsblock wurde nicht verändert. Er wurde bewohnt.
Wer das getan hat, hat keinen Raum entworfen: Er hat ihn gefunden.
Der gebaute Findling vollzieht dieselbe Geste von der Gegenseite. Er findet keinen Hohlraum: Er legt ihn fest.
Er geht von der Leere aus und baut einen Stein um sie herum.
Daraus folgt eine physische und nicht nur begriffliche Konsequenz.
Eine leere Masse wiegt nichts. Der Felsblock von Foroglio bewegt sich nicht, und seine Autorität im Dorf rührt auch daher. Ein Findling aus Stahlblech von denselben Proportionen lässt sich auf einen Lastwagen laden. Die Form erklärt das eine, der Körper sagt etwas anderes: Er verspricht Gewicht und hält es nicht.
Es ist eine Täuschung, aber mit umgekehrtem Vorzeichen als jene der Bunker am Albula.
Dort gab die Konstruktion vor, Fels zu sein, um zu verschwinden.
Hier gibt sie vor, Masse zu sein, um sich durchqueren zu lassen.
Wer einen Felsblock betritt, steht vor einem Problem, das kein Felsblock je hatte.
Hinausschauen.

Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago
Riesiger Felsblock als Dach eines Hauses mit Trockenmauern und Holztür, Val Bavona, Tessin
Val Bavona, Tessin. Der Felsblock ist das Dach: Die Trockenmauern schliessen nur die Seiten. Tür und Fenster sind die eines beliebigen Hauses.
Zwei Besucher, von innen aus Souvenir di montagna in Lugano gesehen, gerahmt von den Cortenstahlwänden
Umberto Cavenago Souvenir di montagna, 2023
Cortenstahl und Stein, 260 × 260 × 260 cm (Stahlelement). Lugano-Molino Nuovo, dauerhafte Installation
Bewirtschafteter Felsblock im Val Bavona: eine Wiese auf dem Block und eine Steintreppe hinauf
Die «bewirtschafteten Felsblöcke» des Val Bavona sind auf dem Fels angelegte Agrarlandschaften: eine äusserste Form des Zusammenlebens von Natur und menschlicher Arbeit, bei der der Stein nicht entfernt wird, sondern selbst zur Struktur des Feldes wird.
Das Haus auf dem Felsblock im Ultental, von der Wiese hinter einem Holzzaun gesehen
Dasselbe Haus aus der Ferne: Von der Wiese aus lesen sich Felsblock und Wohnhaus als ein einziges Volumen. Die Architektur korrigiert das Gelände nicht, sie nutzt es.
Grosser bemooster Granitblock mit gemauertem Unterschlupf und Tür am Fuss, Val Bavona
Ein mächtiger Granitblock, den der Gletscher während der letzten Eiszeit abgelagert hat, beherrscht die bewaldete Landschaft des Tals. An seinem Fuss wurde unter Nutzung des natürlichen Hohlraums im Fels ein kleiner Raum geschaffen: Die Vorderwand, trocken mit einheimischen Steinen gemauert und mit einer Holztür versehen, verwandelt den geologischen Unterschlupf in bewohnbaren Raum.
Holzhaus auf einem grossen Findling im Ultental, Südtirol
Haus auf einem Findling im Ultental (Italien). Der Felsblock dient als Fundament: Der Holzbau ruht direkt auf dem Fels, der nicht eingeebnet wurde.