Umberto Cavenago

20. Kubus

Zwischen 1933 und 1934 baut in Paris ein im Bergell geborener Künstler ein Polyeder und nennt es Würfel.

Alberto Giacometti wurde 1901 in Borgonovo im Bergell geboren, wenige Kilometer unterhalb des Maloja. In Maloja, am Ufer des Silsersees, erwarb die Familie 1910 ein Ferienhaus, in dem der Vater Giovanni ein zweites Atelier einrichtete.

Kubus ist kein Würfel. Es ist ein unregelmässiges Polyeder, das der Titel weiterhin mit dem Namen des regelmässigen Körpers bezeichnet, von dem es abzustammen scheint. Die Kritik hat darin ein Zitat des Polyeders der Melencolia erkannt: derselbe geometrische Block, dieselbe gebrochene Regelmässigkeit. Giacometti nannte sie seine einzige abstrakte Skulptur, sagte aber auch, er habe sie eigentlich als Kopf gedacht.

Jede Drehung erzeugt eine andere Silhouette, eine Anordnung von Flächen und Kanten, die sich nicht wiederholt. Es gibt keine bevorzugte Stellung und keine kanonische Ansicht. Der Körper hat keine Vorderseite.

Es ist der Zustand des Findlings: eine Form, die man nur versteht, wenn man um sie herumgeht.

Dürer schneidet zwei Ecken ab und lässt den Körper neben einer Gestalt, die nicht handelt. Giacometti macht daraus einen Körper, beinahe einen Kopf. Souvenir di montagna macht daraus einen Stein und bringt ihn ins Bergell zurück, auf den Pass oberhalb des Dorfes, in dem Giacometti geboren wurde.

Übersetzung: Archivio Umberto Cavenago
Alberto Giacometti, Kubus, Gipsmodell: weisses unregelmässiges Polyeder vor hellem Grund
Alberto Giacometti, Kubus (Gipsmodell), 1933/34. Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung

© Archivio Umberto Cavenago

Giacomettis Kubus aus Bronze im Kunsthaus Zürich, im Hintergrund eine Büste auf einem Sockel
Alberto Giacometti, Kubus, 1933/34 (Guss 1959)
Bronze, 95 × 54 × 59 cm. Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Inv. GS 025
Entstanden gegen Ende von Giacomettis Zugehörigkeit zum Surrealismus. Die Oberfläche der Bronze trägt feine eingeritzte Linien, die der Künstler Ende der 1930er-Jahre in den Gips ritzte, Spuren, die an das Atelier und ein Selbstbildnis erinnern: Später vom Gips getilgt, haben sie sich nur auf der Bronze erhalten.

© Archivio Umberto Cavenago

Giacomettis Kubus aus Bronze, dunkelgrün und braun patiniert, im Kunsthaus Zürich
Der Kubus aus Bronze, ausgestellt im Kunsthaus Zürich.

© Archivio Umberto Cavenago